Lasst uns das Alte feiern und vom Neuen träumen

Wir halten uns die Bäuche vor Lachen. Müssen uns die Szene immer und immer wieder anschauen. Zu lustig, wie sich unser Jüngster einfach auf seinen Allerwertesten setzt und einen Hang mit Schnee hinunterrutscht, quietschend vor Glück und ohne Schlitten wohlgemerkt. Es ist der erste Tag im Jahr und meine Kinder möchten sich ein Foto und Video nach dem anderen anschauen. Haben wir erst einmal damit begonnen, gibt es kein Halten mehr.

„Warum wünschst du mir heute ein frohes neues Jahr, Mama? Hört sich an wie bei einem Geburtstag!“ Zwei große braune Augen schauten mich erwartungsvoll an. Als ich unsere Große zum ersten Mal in diesem Jahr weckte, hatte ich wie so oft keine kluge Antwort parat. Ich überlegte, wie ich so etwas mir Selbstverständliches in einfache, kindgerechte Worte fassen kann. 

„Es ist ein bisschen wie ein Geburtstag. Gestern verabschiedeten wir das alte und heute feiern wir das neue Jahr. Und dabei wünschen wir uns allen, dass es ein gutes wird.“ So richtig zufriedenstellend war die Antwort nicht, das konnte ich an ihrem Blick sehen – und es stimmte mich gleichermaßen nachdenklich. Doch statt weiter zu erklären, schnappte ich unseren Laptop und ließ vor unseren Augen das vergangene Jahr wiederaufleben: besondere Momente, die uns auch jetzt wieder zum Lachen bringen, uns glücklich machen und das Herz wärmen. Gemeinsam staunen wir darüber, wie groß unsere Kinder in nur einem Jahr gewachsen sind. „Schau mal, wie kurz meine Haare da noch waren!“ Die ersten Radfahrversuche, Toben auf dem Sofa, sandige Füße, Umzugskartons bringen die Gefühle eines ganzen Jahres geballt in dieses Wohnzimmer zurück und erfüllen uns mit einer unglaublichen Zufriedenheit.   

Momente, die in diesen Bildern nicht auftauchen, jedoch mindestens genauso intensiv mit dem vergangenen Jahr verknüpft sind, brechen sich Bahn. Es sind Momente des Verlusts. Widerstand regt sich in mir, ich möchte die Trauer jetzt nicht zulassen. Doch ehe ich die Tränen vor meinen Kindern verbergen kann, ist es auch schon zu spät. Schon spüre ich, wie sich meine Tochter feste an mich schmiegt. Ihre Art, Trost zu spenden. Wir halten einander fest, bis es vorübergeht, die Tränen sachte verebben.

Wenn etwas endet, ist immer auch Raum für etwas Neues. Studien zur „Psychologie der Vorsätze“ zeigen, dass erreichte Ziele das Selbstwertgefühl steigern können. Das führen meine Kinder mir jeden Tag aufs Neue vor. Interessanter finde ich jedoch die Tatsache, dass es Menschen ohne Vorsätze deutlich besser geht als solchen mit[1]. Zu ersteren zähle ich auch mich. Sie ergeben für mich keinen Sinn, denn Ziele kann ich mir das ganze Jahr setzen, weshalb also nur an diesem einen Tag?

Dennoch setzt das neue Jahr auch bei mir eine ganz besondere Energie frei. Es ist die Vorfreude auf den widerkehrenden Frühling, in dem alles aufblüht. Und in diesem Jahr erleben wir diesen zum ersten Mal in Dänemark. Es ist die Motivation, neue Ideen und Projekte umzusetzen, die mit Beginn des neuen Jahres starteten.

Hoch motiviert sitzen wir am Nachmittag wie so oft an unserem ausgezogenen Esstisch. Um uns herum türmen sich Papier, unzählige Stifte, Stempel und Kleber. Die Kinder sind in ihrem Element und ich lasse mich von ihnen mitreißen. Wir malen und schreiben unsere Wünsche für das neue Jahr auf. Manches sind ganz einfache Dinge, wie der Besuch bei unserem Lieblingsspielplatz am Fjord im Sommer oder jede Menge Eis in der Stadt. Es zeigt gleichsam, wie gut es uns mit dem geht, was wir haben. Und manches sind Träume, die uns wie ein stiller Begleiter durch den Alltag leiten. 

 

[1] Das gesamte Interview mit Prof. Dr. Meinhald Thielsch zur „Psychologie der Vorsätze“ findest du hier: https://www.test.de/Gute-Vorsaetze-So-setzen-Sie-Ihre-Vorhaben-erfolgreich-um-5115098-5268672/

 

 

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