Kinder sind die größten Achtsamkeitslehrer – Interview mit Andrea Köhler

«Kinder sind die größten Achtsamkeitslehrer»

In einem turbulenten Familienalltag innehalten und Kraft tanken

Interview mit Andrea Köhler – Hypno-Natur-Therapeutin

 

Der Lärm der Stadt liegt hinter mir. Vorbei an Feldern und dichtem Wald führt eine letzte Kurve in das verschlafene Obergrombach. Etwas nervös klingele ich an einem großen, alten Holztor und höre aufgeregtes Bellen. Ich werde herzlich von Andrea Köhler und ihren zwei Hunden Balou und Loki empfangen und spüre sofort: dieser Ort strahlt eine unglaubliche Ruhe aus.

Andrea Köhler ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, zertifiziert in Hypnotherapie, freie Autorin und «Fotomacherin». Sie führt eine Praxis in Bruchsal und in Bad Bergzabern auf dem Liebfrauenberg. Wir führen ein inspirierendes Interview über achtsame Wege im Familienalltag und wie Trance und Hypnose dabei helfen können.

 

Andrea, die Begriffe «Hypnose» und «Trance» rufen die unterschiedlichsten Vorstellungen hervor. Kannst du sie noch einmal erklären? Und inwiefern kann das in einem Alltag mit Familie helfen?

Ich kann die Berührungsängste vieler Menschen mit dem Thema verstehen. Denn bevor ich mich damit auseinandersetzte, kannte ich auch nur die Showhypnose.

Dabei ist «Trance» sowohl ein natürlicher Zustand als auch ein medizinischer Begriff. Jeder Mensch ist mindestens zweimal am Tag in Trance, während dem Einschlafen und dem Aufwachen. Es ist dieser Zustand zwischen Schlafen und Wachen, den sicherlich jeder von uns kennt. Entgegen vieler vorherrschender Meinungen ist Trance eben kein Zustand, bei dem ich die Kontrolle über mich selbst verliere, sondern eigentlich Kontrolle über mein eigenes Inneres habe. Deswegen steht das Erlernen der Selbsthypnose immer am Anfang der Hypnotherapie. Niemand kann in Trance versetzt werden, wenn er das nicht möchte. Das heißt, man nutzt die Ressourcen, die im Menschen verankert sind, damit er sich selbst helfen kann – mündig und selbstverantwortlich. Mit Hilfe der Trance wird der Zugang zum Unbewussten geschaffen, das alles beinhaltet, was dir schon einmal in deinem Leben begegnet ist: sämtliche Wahrnehmungen, Gefühle, Ereignisse, Erlebnisse, darüberhinausgehend auch das sogenannte «kollektive Unbewusste», was wir durch die ganze Menschheit hindurch mitbekommen haben. Und einen Trancezustand muss man einfach nur schaffen oder wieder neu erlernen, indem man den Verstand in den Urlaub schickt. Der Schlüssel dazu sind die Sinne: Sehen, Schmecken, Riechen, Hören, Fühlen. So kann ich mich an einen Urlaubsort erinnern. Wenn ich aber alle Sinne einsetze, den Sand fühle, das Meer rieche, mir den Geschmack von Salz auf der Zunge vorstelle, dann begebe ich mich in Trance. Ich lenke den Fokus von außen nach innen. Und hier beginnt die Überschneidung zur Natur. Ich nutze in der Natur alle meine Sinne. Wenn ich im Wald bin, sehe ich die Bäume, höre das Rauschen der Blätter oder rieche den Duft der Tannen – dann gehe ich in mich. Kinder sind dauerhaft in Trance. Sie machen immer das, wonach ihnen der Sinn steht, lassen sich nicht vom Verstand ablenken. Ihre Sinne sind immer offen. Kinder zeigen uns eigentlich, wie gut wir den Moment leben können, deshalb sind sie die besten Achtsamkeitslehrer.

 

In einem Alltag mit Kindern, insbesondere mit Neugeborenen, die rund um die Uhr umsorgt werden wollen, fällt es sehr schwer, «innezuhalten» und die eigenen Bedürfnisse zu berücksichtigen. Welche achtsamen Wege schlägst du Eltern vor?

Die wichtigste Aufgabe von Eltern ist, glücklich zu sein. Denn nur, wenn ich für mich selbst sorge, kann ich für einen anderen Menschen, also auch für die eigenen Kinder da sein. Insbesondere in den ersten Lebensmonaten gibt das Kind den Rhythmus vor. Es hilft und entspannt den Alltag ungemein, den eigenen Rhythmus an den des Kindes anzupassen. Je näher ich mein Kind im Alltag bei mir habe, desto eher spüre ich, wann es mich braucht. Tragen, Windelfrei, Familienbett sind Möglichkeiten, die Signale des Kindes unmittelbar zu erkennen und darauf eingehen zu können. Und dennoch ist es möglich, in dieser ersten Zeit für sich zu sorgen. Wenn es dem Kind gut geht, es gerade schläft, friedlich an der Brust stillt, hilft es, immer wieder innezuhalten, und sich zu fragen: Wie geht es mir gerade? Was brauche ich? Statt an die nächste Aufgabe zu denken, kann ich diesen Moment bewusst und mit allen Sinnen wahrnehmen.

Es sind nicht die Bedürfnisse der Kinder, die zu Stress führen, sondern meist das schlechte Gewissen, nicht allem gerecht werden zu können. Ein «hohes Muss» von außen setzt Eltern oft unter Druck. Doch die Gesellschaft ist nicht das Maß aller Dinge. Dem kann ich mich entziehen, wenn ich stetig hinterfrage, was wirklich für meine Familie, für mich wichtig ist und so lernen, Prioritäten zu setzen. Selbsthypnose kann helfen, die eigenen inneren Ressourcen zu nutzen und Achtsamkeit zu leben. Wenn ich rausgehe und alle Sinne in der Natur aktiviere, kann ich mehr Energie tanken und mir selbst helfen, als es mir mit allen denkbaren Ratgebern und Medien möglich ist. Ich lerne meine eigenen Grenzen besser kennen und wenn nötig, Hilfe anzunehmen. Kinder sind für uns die besten Achtsamkeitslehrer. Ihre Sinne sind immerzu offen, der Verstand lenkt sie nicht zu sehr von sich selbst ab. Eltern stehen heute jedoch oft unter Zugzwang, ihre Kinder möglichst früh zu fördern, dabei brauchen sie Raum zur Entfaltung. Häufig werden sie von einem Termin zum nächsten gefahren und kommen so kaum zur Ruhe. Weniger ist hier mehr!

Jedoch nicht nur die Kinder benötigen ihren Raum. Jeder Einzelne in der Familie, die Eltern als Liebespaar oder die Familie als Gesamtes brauchen ihren Raum. Auch in aufregenden Zeiten kann eine Umarmung von wenigen Minuten dem Paar helfen, ihre Beziehung zueinander zu stärken.

 

«Burn Out» – nicht nur ein Begriff in der Arbeitswelt. Immer wieder liest man von überlasteten Eltern. Insbesondere Mütter sind betroffen. Jüngst lässt sich dieses Phänomen aber auch bei den Vätern beobachten [1]. Mit welchen Themen kommen Eltern in deine Praxis?

Es sind unter anderem Frauen, die ich in meiner Praxis begleite, die versuchen, verschiedenen Rollen gerecht zu werden: sie möchten als Mutter alles richtig machen, beginnen vielleicht wieder mit dem Arbeiten und möchten dann auch noch attraktiv für ihren Partner sein. Es sind Väter, die unter der Doppelbelastung Beruf und Familie leiden und erkennen, dass zu Hause ihre Hilfe benötigt wird und die gleichzeitig auf der Arbeit Hochleistung erbringen möchten.

Das Problem ist dabei meiner Ansicht nach vor allem die Suche nach permanenter Anerkennung. Menschen, die unter Burn Out leiden, haben nie gelernt «Nein» zu sagen. Sie versuchen, es allen recht zu machen und geraten so unter andauernden Stress. Gesellschaftlich ist es ja auch nicht sonderlich anerkannt, seine Hilfe abzulehnen oder eine Aufgabe auszuschlagen. Es gilt als egoistisch. Dabei kennen Menschen, die gemeinhin als egoistisch bezeichnet werden, ihre Grenzen sehr gut und leben deutlich gesünder. Sich selbst Anerkennung und Liebe zu schenken, fällt vielen Menschen sehr schwer. Burn Out führt langfristig zur Depression. Für das eigene Wohl ist es also unerlässlich, immer wieder innezuhalten und seine eigenen Grenzen zu wahren. Diesen Prozess hat jeder selbst in der Hand. Nur ich selbst kann in mich hineinhorchen und wissen, was mir guttut, wo ich Prioritäten setzen muss oder Hilfe, unter Umständen auch therapeutischer Natur, benötige.

 

Ein kleiner Teststreifen kann uns binnen weniger Minuten anzeigen, ob wir schwanger sind. Wir haben die Möglichkeit, unser Baby von Anfang an auf einem kleinen Monitor zu beobachten. Wir wissen alles über die Entstehung und Entwicklung dieses noch zarten Wesens im Mutterleib. Und über die Risiken sind wir bestens aufgeklärt. Und trotz dieses Wissens sind viele werdende Eltern ängstlich. Die Internetforen häufen sich mit Fragen und Sorgen. Woher kommen all diese Ängste? Und wie können Eltern wieder guter Hoffnung sein?

Die Wissenschaft entfremdet uns von unserem Fühlen. Wir versuchen, den gesamten Schwangerschaftsprozess und Geburtsverlauf zu kontrollieren, statt diese besondere Zeit zu genießen. Es ist völlig in Ordnung, nachzusehen, ob es dem Baby gut geht, wenn ich dann wieder den Weg nach innen nehme, lerne bei mir zu bleiben. Ärztliche Kontrolluntersuchungen sollen helfen und keine Ängste schüren. Wer jedoch Ängste verspürt, sollte erst auf sein Bauchgefühl hören und wenn das keine klare Antwort ergibt, dann Unterstützung suchen. Ängste kann ich auch abbauen, indem ich innehalte und mir einen positiven Schwangerschaftsverlauf vorstelle. Der Blick nach innen hilft, wenn ich immer wieder darauf achte: Was tut mir und meinem Kind gut? Was brauche ich jetzt? Bereitet es mir Freude, mein Baby beim Ultraschall zu sehen? Stressen oder helfen mir die vielen Ratschläge meiner Freunde? Beunruhigen mich die Geburtsgeschichten meiner Kolleginnen? Ich habe jederzeit die Wahl, mir die Informationen herauszunehmen, die ich für mich brauche und kann selbst bestimmen, wie ich meine Schwangerschaft erleben möchte.

Jedes neue Leben ist ein einzigartiges Geschenk der Natur. Doch zur Natur gehört eben auch der Tod, den wir nur allzu gerne aus unserem Leben ausblenden. Wenn er dann unverhofft eintritt, erleben wir ihn als unkontrollierbar und tragisch. Es geht nun nicht darum, in ständiger Angst um das Kind im Mutterleib zu leben. Ich kann als Schwangere um die Risiken wissen. Und dennoch kann ich zu jedem Zeitpunkt dieses einzigartige Geschenk dankbar annehmen, so lange ich es tragen darf. Tritt ein Verlust dann ein, beginnt die Trauer, die ebenso Raum und Zeit benötigt.

 

Und welche achtsamen Wege gibt es bei der Geburt?

So wie die Schwangerschaft, ist auch die Geburt etwas ganz Natürliches, worauf der Körper der Frau vorbereitet ist. Mit Hilfe der Selbsthypnose können Schwangere auch unter der Geburt nachspüren, was sie brauchen, welche Geburtsposition sie beispielsweise bevorzugen, ob sie eine wohltuende Massage benötigen oder ganz in Ruhe gebären möchten. Väter oder Geburtsbegleiter nehmen hier eine ebenso wichtige Rolle wie die werdende Mutter ein, indem sie ihre Wünsche liebevoll unterstützen. Hypnobirthing ist hier eine wunderbare Möglichkeit für Eltern, sich positiv und selbstbestimmt auf die Geburt vorzubereiten.

 

Andrea, ursprünglich warst du gelernte Hotelfachfrau.
Wie kamst du persönlich zur Hypnose und zur Hypnotherapie?

Es gab zwei einschneidende Ereignisse in meinem Leben: Zunächst wurde ich entlassen, denn als Stellvertreterin war ich meinem damaligen Chef zu teuer. Außerdem erfuhren mein damaliger Mann und ich, dass wir auf natürlichem Wege keine Kinder bekommen konnten. Doch Krisenriesen sind immer auch Chancen für ganz tolle Neubeginne. Ich begann also, mir zu überlegen, was ich auf dieser Welt eigentlich bewirken möchte und was mich ausfüllt. Und das war nicht die Hotellerie. Ich setzte meine erste Leidenschaft in die Tat um, kaufte mir ein Pferd und ließ mich als Reittherapeutin ausbilden. Das war der Anfang meines therapeutischen Wirkens. Darauf folgte die Ausbildung zum psychologischen Berater und die Heilpraktiker-Ausbildung. In dieser Zeit lernte ich eine Hypnotherapeutin kennen. Entgegen meiner damaligen Vorstellung, war sie alles andere als eine extrovertierte Persönlichkeit. Ich kannte bis dahin nur die Showhypnose und es haute mich von den Socken, dass diese Frau Hypnose macht. Ich beschäftigte mich also mehr damit und merkte, wie gut es zu meinen Fähigkeiten passt.

 

Noch eine abschließende Frage:
Es gibt die PRAXIS NATURNAH und die AKADEMIE NATURNAH.
Was genau ist der Unterschied?

Die «Praxis Naturnah» umfasst alles Therapeutische. Ich bin hauptsächlich auf Ängste, Depressionen, Erschöpfung und Schlafstörungen spezialisiert. Und die «Akademie Naturnah» ist eine Lebensschule, mit Tiefen-Entspannungsabenden, der Möglichkeit, Selbsthypnose zu lernen oder Seminartagen zu Themen wie «Die Kunst des Scheiterns». Zusätzlich biete ich nun auch eine Art virtuelle Begleitung an. Dabei handelt es sich um 12 Mails, die dich mit Inspirationen rund um die Natur als Kraftort, deine Lebenssituation und wertvollen Übungen unterstützen.

 

In Namen von LIMAS und unseren Lesern bedanke ich mich recht herzlich für dieses anregende Interview.

Möchtest du mehr über Andrea Köhler, ihre Praxis und Akademie erfahren? Oder möchtest Du mehr über «Trance» und «Hypnose» lernen? Dann findest Du weitere Informationen hier:

Praxis Naturnah

Akademie Naturnah

Instagram: @naturnahakademie

Fotos: Kirsten Turba

Andrea Koehler



[1]                https://www.welt.de/politik/deutschland/article156256183/Job-und-Kinder-treiben-Eltern-in-die-Ueberforderung.html